Ein Stuttgarter Student unter den Kriegern des Kaisers

Der 26-jährige Pablo Wendel stellt sich kostümiert in die tönerne Terrakottaarmee und wird kurz darauf verhaftet

Ein Stuttgarter Kunststudent hat sich im nordwestchinesischen Xi'an als Krieger verkleidet und für einige Minuten unter die Terrakottasoldaten des ersten chinesischen Kaisers gemischt. Die Polizei hat ihn nach sechs Stunden Verhör wieder freigelassen.


Von Christine Keck

"Man wechselt die Zeit, es war unglaublich, wie sich das anfühlt", sagte gestern Pablo Wendel und schwärmt von einem Erlebnis, das andere als ausgesprochen unvernünftig bezeichnen würden. Der 26-jährige Student an der Stuttgarter Kunstakademie stand am Samstag etwa zehn Minuten regungslos zwischen den mehr als 2000 Jahre alten tönernen Soldaten der Terrakottaarme. Er hatte sich aus einem Panzerhemd eine Kutte gemacht, den Hut liebevoll mit Modelliermasse dekoriert und für die Schuhe alte Autoreifen sowie Fahrradschläuche verwendet. Sogar einen Schnauzer hat er sich extra wachsen lassen. "Es sollte alles möglichst echt aussehen", erzählt Wendel, der die Aktion in der Ausstellungshalle nahe der Stadt Xi'an im Nordwesten Chinas über mehrere Wochen vorbereitet hatte. Sie war bis ins kleinste Detail sorgfältig geplant. Um das Statische zu betonen, packte er eine mitgebrachte Sockelplatte aus und stellte sich zunächst unbemerkt von den Sicherheitskräften darauf.

"Ich suchte ihn, konnte ihn aber nicht finden, weil er wie die echten Krieger aussah", sagte der Vizesicherheitschef Jiang Bo chinesischen Medien zufolge. Wachleute hatten zunächst nur eine schattenhafte Figur wahrgenommen, die plötzlich über eine Absperrung geklettert war. Mehrere Touristen zückten ihre Kameras und zeigten auf den Deutschen. "Es entwickelte sich eine Eigendynamik, ich hatte plötzlich ziemlich Angst und war wie erstarrt", erinnert sich Wendel. Stumm, den Kopf wie die Soldaten nach vorne gerichtet und möglichst ohne zu blinzeln verharrte er inmitten der riesigen Armee. Die mehr als 1000 lebensgroßen Soldaten in der Grube sind Teil der Grabbeigabe des legendären Kaisers Qinshihuang.

Als die Polizei Wendel ansprach, blieb er einfach stehen, er reagierte weder auf freundliche Bitten noch auf die immer lauter werdenden Drohungen. Er weigerte sich mehrere Minuten lang, seinen Platz in einer der letzten Reihen der Figuren zu verlassen. "Irgendwann wurde ich von sechs Polizisten horizontal weggetragen", erzählt der 26-Jährige. Es folgten sechs Stunden Verhör in mehreren Sprachen, schließlich wurde er mit einer Verwarnung freigelassen.

Die Milde der chinesischen Beamten erstaunte den 26-Jährigen. Er habe damit gerechnet, hinter Gitter zu kommen, gab Wendel gestern am Telefon zu. Glücklicherweise habe er den Behörden glaubhaft versichern können, dass er keine der Figuren beschädigen wollte, sondern im Gegenteil ein großer Fan der Armee sei, erzählte Wendel. Die für ihre Härte bekannte chinesische Polizei habe ihn bestens behandelt. Lediglich seine Kleidung sei beschlagnahmt worden. "Ich glaube, die soll ausgestellt werden", mutmaßt der falsche Krieger aus dem Schwabenland.

Wendel studiert im siebten Semester an der Stuttgarter Kunstakademie. Er verbrachte drei Monate mit einem Baden-Württemberg-Stipendium an der China National Academy of Fine Arts in Hangzhou und reiste anschließend durchs Land. Ende des Monats will er in die USA fliegen, wo er am liebsten einige Semester studieren würde. Zu provozieren ist Teil seiner ungewöhnlichen Aktionen und dabei überschreitet er so manche Grenze. Seinen eigenen Ekel überwindend suhlte er sich in der chinesischen Kanalisation. Durchtränkt vom Schlamm, gezeichnet bis in die Ohrwindungen machte er sich auf den Weg durch eine Stadt, ging in Geschäfte und ließ sich bestaunen, belachen oder bedauern. Die Taxifahrer weigerten sich den Verdreckten einsteigen zu lassen, sodass er vier Stunden zu Fuß heimlaufen musste.

Völlig überrascht von der Terrakottaaktion war nicht nur die chinesische Polizei, sondern auch Wendels Stuttgarter Galerist Reiner Brouwer. Er konnte gestern kaum fassen, auf was sich der 26-Jährige eingelassen hatte. "Er ist nicht der Typ, der sich mit dem Staat angelegt, er ist auch kein Politclown", sagte Brouwer, der vorab nichts von Wendels Plänen wusste. Er habe gesagt, dass er etwas Großes machen wolle, erinnert sich der Galerist und ist froh, dass seinem Schützling nichts passiert ist. "Er experimentiert eben gern", weiß Brouwer und ist seit dem neuesten Experiment ein gefragter Mann.

Sowohl bei ihm als auch bei Pablo Wendel steht seit der Performance das Telefon nicht mehr still. In China haben etliche große Zeitungen und andere Medien über den Deutschen berichtet, der sich dreisterweise in die Grabbeigabe geschmuggelt hat. Manche schmunzeln, andere schimpfen und über Nacht gibt es bereits die ersten Internetspiele, die sich über die Aktion lustig machen. "Sucht den Deutschen unter den Terrakottakriegern" heißt es dort. Das ist gar nicht so einfach, denn Pablo Wandel ist auf den ersten Blick kaum von den alten Kriegern zu unterscheiden.

[] www.brouwer-edition.com

Pablo Wendel wird von den verwunderten Polizisten festgenommen. Es gibt bereits die ersten Internetspiele: "Sucht den Deutschen unter den Terrakottakriegern." Foto dpa


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